08. September 2017

Mal im Ernst: Man kann viel spotten, über die Bilder, die die Werbung uns verkaufen will. Über männliche, technologie-affine Hundebesitzer, die ihrem Hund zwar eine eigene Playlist widmen („Just the two of us“), aber dann doch zu rammdösig sind, um zu wissen, wann der Kläffer aus der Tierklinik nach Hause kommt. Traurig! „Alexa, setze Knoblauch auf meine Einkaufsliste!“ Der ist gut fürs Gedächtnis.

Die Werbung arbeitet nun mal gerne mit Klischees. Aber dass ein Computergehirn sich besser Sachen merken kann als ein menschliches – das ist kein Klischee. Das ist Fakt. Neu ist, dass Computer in der Breite jetzt auch lernen, wie man mitdenkt. Wie man Fragen interpretiert, Antworten ermittelt und sie mundgerecht an den Konsumenten liefert, damit dessen neuronalen Synapsen nicht mehr zu viel Arbeit machen müssen. Als die IBM-Erfindung Watson gegen zwei Alleswisser im US-Quiz „Jeopardy“ triumphierte, war die Welt erstaunt. Für IBM, einst das Mutterschiff der US-amerikanischen Computerindustrie, war es der PR-Coup des Jahrzehnts. Watson ist nicht nur ein Fingerzeig in Richtung Apple, Amazon, Google und Co. Es ist auch ein wenig dezentes „Vergiss mein nicht!“ an den Verbraucher. IBM ist wieder da. Die 1911 gegründete Firma hat sich entstaubt und besitzt nun wieder eine Marke, die für bahnbrechende Technologie steht. 

Datengetriebene Intelligenz ist schon viel verbreiteter als man es wahrnimmt. Der Bezahlsender Sky begrüßt Besucher seiner Website mit einem persönlichen Ansprechpartner. Dahinter steckt ein Roboter. Der reagiert auf Schlagwörter wie „Abo kündigen“ oder „Bundesliga“ und spult dann vorgefertigte Antworten ab. Kundendienst per Shortcut. Nur, dass kein Mitarbeiter da sitzt, der auf F6 gespeicherte Phrasen drischt, sondern ein Computer. Tut man dem nicht den Gefallen, ihn mit Keywords zu triggern, verliert er noch erstaunlich schnell den Überblick. Wie kann ich Ihnen helfen? Antwort: „Karthago geht Blumenkohl.“ Es passiert erstmal nichts. Man hängt dann wieder in der Warteschleife.

Watson jedenfalls ist – anders als Apples Siri – keine in sich geschlossene Plattform, sondern eine Vernetzung mehrerer Programme und zieht anders als verbreitete Assistenzsysteme eigene Rückschlüsse – lernt also weiter dazu. Watson ist die Marke für den Produktbereich künstliche Intelligenz, der aktuell schon eine halbe Milliarde Dollar einspielt. In drei Jahren wird es zwölf Mal so viel sein, schätzen Analysten.

Spannend an der künstlichen Intelligenz könnte werden, dass die großen Tech-Firmen parallel an alternativen Konzepten basteln. Bislang hieß es bei neuen Themen immer: „The Winner takes it all“. Microsoft beim Betriebssystem, Amazon im Handel, Ebay bei Kleinanzeigen, Google beim Suchen, Facebook beim Netzwerk. Klar, regionale Ausreißer gibt es überall. Doch bei der künstlichen Intelligenz könnte es tatsächlich so gehen, dass vier bis fünf große Anbieter den Weltmarkt von Beginn an nahezu paritätisch unter sich aufteilen. So schätzt es jedenfalls die Technologieberatung IDC, die glaubt, dass in drei Jahren 60 Prozent aller Applikationen über die Plattformen von höchstens einer Handvoll Anbietern laufen werden. IBM – das ist sicher – wird dabei sein.

Denn der nach IBM-Gründer Thomas J. Watson benannte Supercomputer ist zurzeit noch das Maß der Dinge. Watson verarbeitet 80 Teraflops – also 80 Billionen Gleitkommaoperationen – pro Sekunde. Zur Beantwortung von Fragen in natürlicher Sprache greift er auf 90 Server mit einem kombinierten Datenspeicher von mehr als 200 Millionen Seiten an Informationen zurück. Diese werden auf der Basis von etwa sechs Millionen logischer Regeln verarbeitet.

Wer heute eine Antwort auf eine Frage sucht, der konnte bisher die Frage bei Google eingeben und hoffen, dass sie schon mal von jemand anderem gestellt wurde und es eine passende Antwort darauf gibt. Watson kann die Frage selbst beantworten. Kognitives Computing nennt man das und die Anwendungsmöglichkeiten dafür sind schier endlos.

Watson hilft heute schon Fachanwälten, um Aktenschränke voll mit Urteilen, Gesetzestexten oder anderen juristischen Quellen nach nützlichen Informationen zu durchforsten oder Ärzten im Fachbereich Onkologie. Dabei schafft der Computer in Sekundenbruchteilen, was Hundertschaften von Menschen in Tagen nicht zu leisten im Stande wären. Und zwar ohne, dass man ihm zwischendurch auch nur einmal Pizza bestellen müsste.

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